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Stadt St.Gallen
13.08.2022
13.08.2022 17:48 Uhr

«Die Frau mit dem Köfferli», Teil 1: Aus Schaffhausen nach St.Gallen

Maria Hufenus (*1945) lebt im Riethüsli
Maria Hufenus (*1945) lebt im Riethüsli Bild: Archiv
Stadtführerin Maria Hufenus erinnert sich in ihren Memoiren «Die Frau mit dem Köfferli» an so manche Episode aus rund einem halben Jahrhundert Führungen durch die Gallusstadt. stgallen24 stellt jede Woche exklusiv ein neues Kapitel vor. Heute: Aus Schaffhausen nach St.Gallen.

«Am Samstag, dem1. April 1944, wurde Schaffhausen bombardiert.

Aus „familiären Gründen“ möchte ich zu diesem wohl schwersten Bombardement in der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs etwas schreiben. Mein Bruder Willy Thurnherr war damals 14 Jahre alt und ging in Schaffhausen zur Schule.

Er erzählte mir Folgendes: An diesem Samstagvormittag wurden wir instruiert, wie ein Frachtbrief richtig ausgefüllt werden muss. Der Samstagvormittag war noch nicht schulfrei. Kurz vor elf Uhr heulten die Sirenen. Das war nichts Besonderes. Bis fünfmal pro Tag ertönten die Sirenen. Meistens waren es einzelne Flieger, die den Schweizer Luftraum verletzten.

An diesem Tag war alles anders. Die Fenster klirrten vom dumpfen Brummen der Flieger. Wir rannten sofort an die Fenster. Drei Staffeln sogenannter „Fliegender Festungen“ hatten sich Schaffhausen genähert. Die erste Staffel hatte bereits Schaffhausen erreicht. Eine zweite überflog den östlichen Teil des Kohlfirsts, und die Flieger der dritten glitzerten weiter südlich im kaum bewölkten Frühlingshimmel.

Kleine Wolken und Detonationen in der mittleren Staffel machten uns misstrauisch und der Lehrer meinte: „Das ist sicher die Fliegerabwehr; gehen wir doch lieber in den Luftschutzkeller!“ Kaum im Keller, schüttelte und krachte es gewaltig. Staub wurde aufgewirbelt. Verängstigt schauten wir auf unsere Pädagogen. Einer meinte: „Jetzt sind in der Nähe Bomben niedergegangen; aber sicher nicht in Schaffhausen.“

Nach Sekunden oder Minuten stürmte ein Italiener in den Schutzraum und rief: „Schaffhausen bombardiert, alles kaputt!“ Nach einiger Zeit, ich glaube, wir haben den Endalarm nicht abgewartet, verliessen wir den Keller.

Mein Bruder Willy kann sich noch gut an die Schäden erinnern und zählte sie detailliert auf. Dass die Steigkirche neben dem Schulhaus und nicht das Schulhaus mit über hundert Schülern getroffen wurde, hält er für „Glücksfall, Zufall oder Vorsehung“.

Am Vormittag des 1. Aprils 1944 wurde Schaffhausen bombardiert Bild: Keystone

Mein Vater arbeitete in der Einnehmerei im Bahnhof Schaffhausen. Seinem Kollegen gab er den Auftrag, fehlende Dokumente zu holen, ging dann aber doch selber. Während dieser Zeit fiel eine Bombe und zerstörte den schweizerischen Teil des Bahnhofs. Meine Mutter, die von der Zerstörung hörte, rannte mit ihren drei Kindern hin. Alles war abgesperrt. „Gehen Sie nach Hause!“ „Ja, aber lebt mein Mann?“ „Es sind alle tot!“

Am Abend kam mein Vater, der als einziger überlebt hatte, nach Hause. Er hatte den ganzen Tag mit dem Luftschutz nach Überlebenden gesucht. Noch einmal: „Glücksfall, Zufall oder Vorsehung?“

Neun Monate später wurde ich geboren. Ich war nicht das einzige Kind in Schaffhausen, das damals geboren wurde. Mein Mann meint, ich wäre eine „Bombenfrau“.

Nach den Schulen besuchte ich ein Jahr lang ein Internat in Belgien, um Französisch zu lernen. (Ich hätte gerne Mathematik studiert, aber das lohnte sich zu dieser Zeit für eine Frau nicht – die heiratet ja sowieso.) Es folgte ein Jahr in England; anschliessend besuchte ich das Kindergärtnerinnenseminar in Baldegg.

Ich zog dann weiter nach Rom, wo ich während zwei Jahren Geschichte und Kunstgeschichte studierte. Das Studium verdiente ich, indem ich Französischunterricht erteilte.

Wieder zu Hause, arbeitete ich in der Auskunft der SBB in Zürich nach dem Motto: „Bis nett und fröhli mit jedem Löli.“ Während dieser Zeit konnte ich Europa bereisen und meine kunstgeschichtlichen Kenntnisse vertiefen.

In St.Gallen

Nach meiner Heirat 1970 lebte ich in St.Gallen. Die Stadt schien mir furchtbar klein, bis ich sie näher kennenlernte. 1971 kam unsere Tochter Barbara zur Welt. Sie lernte leicht, war bei den zehn besten Maturanden und lehrt heute an der „Flade“ im Schulhaus Notker die naturwissenschaftlichen Fächer und Sport. Sie war früher in der Voltige-Gruppe St.Gallen. 1975 wurde Raphael geboren; er starb einen Tag nach der Geburt. 1979 wurde Gallus geboren; er hatte Klumpfüsse, die Dr. Robert Morger, Chefarzt am Kinderspital St.Gallen, perfekt operierte.

Später sagte mir ein Idiot, ich hätte das Kind abtreiben sollen; man bringe doch heute kein behindertes Kind mehr auf die Welt. Gallus spricht fünf Sprachen und wurde zweimal als Stadtparlamentarier mit der höchsten Stimmenzahl gewählt. Im Jahr 2018 war er Präsident des Stadtparlaments von St.Gallen. Mein Mann war ein Organisationstalent, ein „Workaholic“, und wurde nach dem Tode von Raphael zum Alkoholiker, was schliesslich zur Scheidung führte.»

stgallen24/Maria Hufenus