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Stadt St. Gallen
02.09.2020
02.09.2020 16:57 Uhr

«Abschnüren auf Raten»

Remo Daugati ist St.Galler Stadtparlamentarier (FDP)
stgallen24 hat Stadtparlamentarier Remo Daguati, der im gesamten DACH-Raum Standorte in Wirtschaftsfragen berät, gefragt, was er von der neuen «Zukunfts-Initiative» hält, die Strassenflächen schrittweise abbauen will.

Die sogenannte Zukunfts-Initiative (oder Initiative für eine zukunftsfähige Mobilität) soll die Stadt damit beauftragen, zusätzliche Massnahmen für ein attraktives Angebot im öffentlichen sowie im Fuss- und Veloverkehr zu ergreifen. Dafür sollen bezogen aufs Jahr 2020 während zehn Jahren jährlich 0,5 Prozent (insgesamt fünf Prozent) der Strassenflächen in Flächen für den Fuss- und Veloverkehr sowie für den öffentlichen Verkehr verwandelt werden.

Remo Daguati, mit einem Volksbegehren wollen die Umweltorganisation Umverkehr sowie lokale Parteien und Verbände die Strassenfläche in der Stadt St.Gallen zugunsten von Fussgängern, Velos, ÖV, Bäumen und Grünflächen innert zehn Jahren um zehn Prozent reduzieren. Was halten Sie davon?
Der städtische Wahlkampf ist lanciert. Zeitgerecht melden sich die ideologisch gefärbten Mobilitätsverhinderer der linken Parteien. Sie fordern Baumalleen auf innerstädtischen Hauptachsen, formulieren ihre Gegnerschaft für die Sanierung der Stadtautobahn, beurteilen die Teilspange Güterbahnhof-Liebegg als unnötig und lancieren nun auch noch Initiativen. Die Linke blendet völlig aus, dass die Strasse noch auf Jahrzehnte hinaus die Lebensader von St.Gallen bleibt.

Sie sprechen von der Lebensader. Was ist damit gemeint?
Dass gut die Hälfte der rund 80'000 Beschäftigten und Fachkräfte in der Stadt St.Gallen von aussen zupendelt, müsste auch bei linksgrünen Stadtpolitiker*innen eine Erkenntnis werden. Dass der öV-Anteil auf diesen Fahrten weniger als 50 % ausmacht, unterstreicht die hohe Bedeutung des motorisierten Individualverkehrs für das wirtschaftliche Vorankommen unserer Stadt. Zudem verdienen über 12'000 wegpendelnde Arbeitnehmende ihr gutes Geld auswärts, damit sie die horrenden Steuern in unserer Stadt überhaupt bezahlen können. Auch sie bestreiten ihren Erwerbsweg zu über 50 % mit dem Auto. Denn der öffentliche Verkehr in St.Gallen ist zu langsam und unattraktiv, um umliegende Wirtschaftszentren zeitnah zu erreichen.

Wieso hat denn die Strasse für St.Gallen eine derartige Bedeutung?
Da kann man Fakten ignorieren, wie es die Linke tut, oder eben hinschauen, was Sache ist. Einzig dank der Anbindung über die Strasse (MIV) kann die Stadt St.Gallen halbwegs im nationalen Wettbewerb der Talente mithalten. Zwar zeigt St.Gallen beim MIV eine im schweizweiten Vergleich unterdurchschnittliche Performance. Doch wichtig: Je 10 Minuten Mehrfahrtzeit lassen sich über die Strasse im Vergleich zum öV mehr als doppelt so viele Fachkräfte und Kunden für St.Gallen gewinnen. Die Strasse ist und bleibt auf Jahrzehnte hinaus die Lebensversicherung unserer Stadt. Wenn Öko-Phantasten in Zürich, Basel oder Genf Verkehrsverhinderungspolitik betreiben, so wird deren destruktives Treiben von der Wirtschaftsdynamik dieser Städte schlicht neutralisiert. Nicht so St.Gallen: Da unsere Stadt bei vielen Entwicklungsindikatoren bereits seitwärts oder gar abwärts mäandert, beschleunigt ein weiteres Abschnüren der Erreichbarkeit über die Strasse unseren Abstieg.

Was ist denn so falsch daran, dass man den Umstieg vom Auto auf die Bahn fordert?
Ich engagiere mich selbst ja in der IGöV Stadt St.Gallen, weil wissenbasierte Jobs insbesondere im Dienstleistungsbereich an Orten geschaffen werden, die eine gute öV-Anbindung aufweisen. St.Gallen muss hier besser punkten. Der öffentliche Verkehr in der Stadt St.Gallen wurde aber ausgerechnet in der laufenden Legislatur mit linken Mehrheiten komplett verstümmelt. Mit dem Fahrplanwechsel 2019 haben zusätzliche Fernverkehrszüge die Trassen für eine funktionierende S-Bahn verstopft. Die Fahrzeiten von und nach Zürich verharren von St.Galler Quartieren aus immer noch auf dem Niveau der 70er-Jahre. Da steigt doch niemand um.

Da müssen Sie konkreter werden.
Vergleicht man die Erreichbarkeit von St.Gallen mittels öffentlichem Verkehr für Fachkräfte und Konsumenten, so zeigt sich bei Fahrzeiten ab 30 Minuten ein schlicht erschreckendes Bild. Währenddem andere Städte wie etwa Winterthur oder Luzern in diesem Bereich Talente weit über dem Schweizer Durchschnitt anziehen (das Zwei- bis Dreifache von St.Gallen!), kriecht die Erreichbarkeit von St.Gallen bereits unter dem Schweizer Schnitt. Erst ab öV-Fahrzeiten von über 75 Minuten – Pendelstrecken, die sich kaum jemand freiwillig antut – bäumt sich St.Gallen kurz auf, um gleich wieder dem Schweizer Durchschnitt zu verfallen. Ausgerechnet die für Verkehrsfragen zuständigen beiden SP-Stadträte vertrösten das Volk derweil auf Lösungen weit nach 2035 und kapitulieren auf Vorrat. Man könne weder bei Bund, noch beim Kanton etwas beim öV-Dossier bewegen, so der Tenor. Gleichzeitig wurden unter linker Führung in den letzten Jahren immer mehr innerstädtische Busangebote geschaffen, die keine brauchbaren Anschlüsse an den S-Bahn- und Fernverkehr bieten. Bus-Convoys verstopfen derweil den Talboden und unsere Strassenkreuzungen. Haltekanten am Marktplatz müssen gar räumlich getrennt und versetzt werden, weil die Bus-Convoys kein Durchkommen mehr haben. Wer möchte da vom Auto auf den öV umsteigen?

Was sollte nach Ihrer Meinung gemacht werden?
Die Linke bleibt unfähig, eine wirksame Gesamtverkehrspolitik zu gestalten. Die Steuerung erfolgt in einer reinen Binnensicht, als ob St.Gallen eine Insel wäre, die nicht von Impulsen von aussen lebt. Man versteht Verkehrsentwicklung nicht als strategisches Instrument der Standortentwicklung, sondern sägt lieber am Ast, auf dem man sitzt, um linken Illusionen einer verkehrsfreien Stadt nachzueifern. Die Stimmberechtigten der Stadt St.Gallen können am 27. September 2020 entscheiden, ob sie die linken Träumer und Utopisten, welche sich ein autofreies St.Gallen wünschen, in ihrem anhaltend wirren und destruktiven Wirken in Verkehrsfragen bestätigen. Oder man stärkt die Kräfte, welche Strasse, Schiene und Langsamverkehr zukunftsfähig kombinieren und optimieren, um unserer Bevölkerung wie den Fachkräften schnellere Arbeitswege in unsere Stadt und zu den umliegenden Zentren zu bieten. Eines sollte den St.Gallerinnen und St.Gallern beim Wahlentscheid klar sein: Die Strasse bleibt – so grün, ökologisch und nachhaltig wir alle gerne wären – auf Jahrzehnte hinaus unsere Lebensversicherung und Lebensader.

Remo Daguati persönlich
Ich bin im Schoren geboren und in St.Gallen und Gossau aufgewachsen. Seit 1996 wohne ich in der Stadt St.Gallen. Seit 2008 bin ich verheiratet und wohne mit meiner Frau und unseren beiden Kindern in St.Gallen Bruggen. In der Freizeit fahre ich mit dem Skateboard auf den verschiedenen Pumptracks der Region und spiele leidenschaftlich Gitarre in Ostschweizer Rockbands.

Beruf/Ausbildung
Ich habe die Kanti am Burggraben besucht und an der HSG sowie ETH je ein Masterstudium absolviert. Ab 2004 arbeitete ich in der Standortförderung des Kantons St.Gallen, ab 2007 leitete ich das Amt für Wirtschaft. Von 2011 bis 2015 verantwortete ich die weltweite Vermarktung des Wirtschaftsstandorts Schweiz. Seit 2016 berate ich als Inhaber der LOC AG in Zürich im gesamten DACH-Raum mehrere Wirtschaftsförderungsorganisationen sowie die Immobilienwirtschaft in Standortfragen. Mitunter konnte ich die St.Galler Regierung bei der Konzeption der IT-Bildungsoffensive unterstützen. Daneben bin ich als Geschäftsführer des HEV Stadt und Kanton St.Gallen mandatiert.

Politik und Engagement
Seit 2017 bin ich Mitglied des Stadtparlamentes, seit 2018 Mitglied der Bildungskommission. Als Sprecher der IG Wirtschaft St.Fiden konnte ich mithelfen, dass die Stadt gemeinsam mit Investoren die Machbarkeit einer „Stadt über den Geleisen“ prüft. In der IGöV Stadt St.Gallen engagiere ich mich hartnäckig, damit das städtische S-Bahn-Fiasko zeitnah aufgeräumt wird. Als Geschäftsführer des HEV Stadt kämpfe ich zudem für attraktive Rahmenbedingungen für unseren Wohnstandort, speziell in der IG Zukunft Ruckhalde. Seit Kurzem bin ich als Präsident der Wohnbaustiftung Russen engagiert.

stgallen24/stz.