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Stadt St.Gallen
09.08.2022
09.08.2022 15:06 Uhr

St.Gallerin kämpft gegen Stigmatisierungen in der Psychiatrie

Simona Hasler gibt Einblicke hinter verschlossene Türen
Simona Hasler gibt Einblicke hinter verschlossene Türen Bild: Miryam Koc
Simona Hasler arbeitet seit über sieben Jahren als Pflegefachfrau in Psychiatrien. Dabei erlebt sie immer wieder Vorurteile über und von Patienten, Angehörigen und Kliniken. Mit einem Podcast will die 27-Jährige nun aufklären.

«Meine Tochter Andrea ist heute 43. Mit 17 wurde bei ihr Schizophrenie diagnostiziert, nachdem sie am Zürcher Hauptbahnhof dachte, sie wäre Jesus und vor einer Menschenmenge predigte. Als Polizisten sie aufhalten wollten, biss sie einem ins Handgelenk», sagt Franka. Die Frau sitzt Simona Hasler gegenüber und erzählt die Geschichte einer Mutter mit einer psychisch kranken Tochter.

«Als ich den Anruf erhalten habe, dass meine Tochter in die Psychiatrie überwiesen wird, war das eine absolute Horror-Vorstellung. Ich war der festen Überzeugung, dass ich meine Tochter da rausholen müsse.»

Klapse oder Psychiatrie?

Simona Hasler aus St.Gallen arbeitet seit über fünf Jahren in einer Psychiatrie im Raum Zürich. Davor war die Pflegefachfrau in der Psychiatrie St.Gallen Nord angestellt. In den letzten zehn Jahren begegnete sie vielen Menschen mit ähnlichen, aber auch komplett anderen Krankheitsbildern wie jenes von Andrea.

«Auf der Akutstation haben wir Menschen zwischen 25 bis 50. Da ist von Schizophrenie über bipolare Störungen bis zum Burnout alles dabei», so die 27-Jährige. 

«Wenn ich von meinem Job in der Psychiatrie erzähle, dann werde ich von Freunden und Bekannten mit Fragen gelöchert. Viele können nicht glauben, dass Patienten mit psychischen Erkrankungen spazieren dürfen. Oder ich werde gefragt, ob eine 'Klapse' das gleiche wie eine Psychiatrie sei. Ich kann verstehen, dass es eine gewisse Faszination für das Thema gibt. Aber vor allem sehe ich grosse Unwissenheit und viele Vorurteile.»

Stereotype, Vorurteil und Diskriminierung

Um gegen diese anzukämpfen, hat die St.Gallerin im Juli 2022 ihren Podcast «Stigmajagd» auf Spotify lanciert. Darin lässt sie Patienten, Angehörige und Fachpersonen zu Wort kommen. «Ich hatte diese Idee schon länger, aber nicht die nötige Zeit und Energie dafür. Jetzt habe ich es gewagt und ich bin überwältigt, dass die ersten zwei Folgen so gut ankommen – das hätte ich nicht gedacht.»

Der Begriff Stigma stammt aus dem Altgriechischen und bezeichnet ein körperliches Brandmal, welches sozial Ausgeschlossene erhielten, um ihren niederen Sozialstatus zu markieren. Heute bezieht sich der Begriff mehrheitlich auch auf psychologische Aspekte.

Stigmatisierung besteht aus den drei Komponenten Stereotype, Vorurteil und Diskriminierung. Eine erlebte Stigmatisierung sei für Betroffene und deren Angehörigen oft mit massiven Folgen verbunden, weshalb man bei Stigmatisierung auch von einer «zweiten Erkrankung» spricht.

«Es kann jeden treffen»

Warum Stigmatisierung gegenüber psychischen Krankheitsbildern so stark verbreitet ist, kann sich die 27-Jährige nicht eindeutig erklären, sie glaubt aber, dass es verschiedene Einflussfaktoren gibt.

Oft passiere die Etikettierung unbewusst. «Ich kann mir vorstellen, dass es zum einen an der Geschichte von Psychiatrien liegt, die von grauenhaften Erzählungen geprägt ist und diese Bilder bis heute nicht ganz los geworden ist. Dies auch durch Filme wie 'Split' oder 'Einer flog über das Kuckucksnest'. Zum anderen denke ich, dass die mediale Berichterstattung dazu führt, dass Menschen mit psychischen Krankheiten mit etwas Gefährlichem assoziiert werden. Die Realität ist aber eine ganz andere.»

Häufig komme es aber auch dazu, dass Patienten sich selbst stigmatisieren und Angst davor haben, sich zu öffnen. «Wenn man Bauchschmerzen hat, dann hat man keine Probleme, das dem Chef zu sagen. Aber wenn man an einer psychischen Erkrankung leidet, dann ist die Hürde, darüber zu sprechen, viel grösser», sagt Simona Hasler. 

Mit «Stigmajagd» möchte die Pflegefachfrau Aufklärungsarbeit leisten. Sie hofft, dass irgendwann ein Gleichgewicht im Bezug auf die Akzeptanz von Psychiatrien und Spitälern, zwischen körperlichen und seelischen Krankheiten herrscht. «Eine psychische Erkrankung kann jeden von uns treffen, und hinter einer Diagnose sind liebenswerte und einzigartige Menschen, die es verdient haben, auch als solche wahrgenommen zu werden.»

Sind auch Sie von Stigmatisierung betroffen und möchten darüber sprechen? Dann können Sie sich bei Simona Hasler per Mail oder via Instagram melden.

 

Miryam Koc/stgallen24