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Stadt St.Gallen
08.08.2022
08.08.2022 16:14 Uhr

«Keine Nachwuchsförderung für Tech-Talente»

Der fünfte Geburtsfehler: Die fehlende Nachwuchsförderung für Tech-Talente
Der fünfte Geburtsfehler: Die fehlende Nachwuchsförderung für Tech-Talente Bild: MakerSpace Al Zeina/
Der Innovationspark St.Gallen ist einer von sechs Standorten des Switzerland Innovation Projektes. Ziel ist es, Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung gewinnbringend zu verbinden und Innovation zu fördern. Doch gelingt das auch? Nein, findet Gastkommentator Peter Vonach.

«Eine qualitativ hochstehende Nachwuchsförderung bildet die Grundlage für zukünftige Erfolge an Olympischen Spielen, Paralympics, Welt- und Europameisterschaften» – das meint Swiss Olympics zum Thema Nachwuchsförderung.

Im Sport haben wir Koordinationsstellen, Leistungszentren und Talentschulen. In diesem Bereich ist es uns offensichtlich klar, dass wir eine gezielte und hochstehende Nachwuchsförderung betreiben müssen, um grosse Leistungen

zu erbringen. Wieso entscheiden wir uns nicht für ein Programm zur Nachwuchsförderung von Tech-Talenten? Vor allem, wenn es ein derartig wichtiges Zukunftsthema ist.

Wir müssen eine Antwort auf die Frage finden, wie wir zukünftige Technologie Talente frühzeitig erkennen und fördern können. Die einzelnen Parks wären in meinen Überlegungen als Leistungszentrum für herausragende Tech-Talente, geradezu prädestiniert.

Egal wie die Zukunft aussehen mag, was wir sicher brauchen sind kluge, experimentierfreudige, kreative, neugierige, handwerklich begabte Menschen.

Eine exzellente Nachwuchsförderung von Tech-Talenten kann nicht im Rahmen des Lehrplanes an öffentlichen Schulen stattfinden, schon aus Gründen des erforderlichen Know-hows und der notwendigen Infrastruktur.

Bei den öffentlichen Schulen liegt der Fokus auf Förderung der Digitalen Kompetenz. Dies reicht inhaltlich nicht aus, um den Anforderungen an herausragende Tech-Talente gerecht zu werden. Dies erfordert in meinen Augen wesentlich mehr als Digitale Kompetenz, auch wenn es nicht dem aktuellen und allgegenwärtigen Mainstream entspricht. Nur weil jemand gut Seilhüpfen kann, ist dies noch lange keine Garantie für den Gewinn des Skiweltcups.

Ein idealer Platz

Bei der aktuellen Strategie von Switzerland Innovation macht die Integration einer Talentschule für Tech-Talente wenig Sinn. In meinen Überlegungen ist ein derartiger Platz kein steriles Gebilde, sondern verfügt über eine exzellente Infrastruktur. Den bereits erwähnten MakerSpace, ein hohes Know-how bei den Coaches somit ein Platz, den Menschen aus unterschiedlichen Gründen aber mit den gleichen Zielen, nämlich etwas Neues in die Welt zu bringen, nutzen. Stellen wir uns also vor, in diesem Umfeld gibt es eine Talentschule und die Teilnehmer kommen in Kontakt mit diesen Erfindern, Entwicklungsingenieuren aus der Industrie und ähnlichen Bereichen.

Dieses Zusammenführen, beispielsweise im Rahmen eines gemeinsamen Mittagessens oder der Teilnahme an einem Meeting, würde als integraler Teil des Lehrplans bewusst herbeigeführt. Dabei entstehen mit grosser Sicherheit prägende Erlebnisse, die für einen Lebensweg entscheidend sein können.

Der Lehrplan

Der Lehrplan besteht aus einzelnen Modulen, die altersgerecht konzipiert sind. Jedes einzelne Modul enthält immer einen theoretischen und einen praktischen Teil.

Ein Modul wäre beispielsweise das «Messen nichtelektrischer Grössen». Für das Messen sämtlicher nichtelektrischer Grössen werden in der Messtechnik Sensoren eingesetzt. Beispiele für über Sensoren erfassbare nichtelektrische Grössen sind: Temperatur, Druck, Feuchte, Durchfluss, Weg, Winkel, Kraft, Druck, Beschleunigung, CO-Konzentration, Schalldruck etc. Die Aufgabenstellung besteht darin, die erforderliche Messgrösse zu bestimmen, die Versuchsanordnung aufzubauen und die Messergebnisse zu interpretieren.

Im Zentrum des Lehrplanes steht das Masterobjekt, welches mit dem zuständigen Coach vereinbart wird. Der Lehrplan wird individuell auf Basis des Masterprojektes sowie den Modulen des Gesamtlehrplanes zusammengestellt.

Das Unterrichtskonzept

Der Unterricht basiert im Wesentlichen auf zwei theoretischen Konzepten: dem problemorientierten Lernen bzw. Lernen durch Lehren. Ersteres Konzept kann am besten mit dem Zitat «from sage at the stage to guide by the side»

beschrienen werden. Lernen durch Lehren (LdL) ist eine handlungsorientierte Unterrichtsmethode, die von Jean-Pol Martin 1982 begründet wurde und von Joachim Grzega weiterentwickelt wird. Hier gilt vereinfacht ausgedrückt, das die Methode auf der Erkenntnis basiert, dass Lernende selbst nachhaltiger lernen, wenn sie anderen Lernenden etwas erklären bzw. diese unterrichten.

Beispiele für ein Masterprojekt

Nehmen wir an, der oder die Teilnehmer möchte als Masterprojekt ein motorisiertes Skateboard bauen. Um ein derartiges Projekt zu realisieren, würde man beim Motor, den Akkus und bei Teilen der elektronischen Hardware für die Motorsteuerung auf ein Serienprodukt setzen. Der Rest wie Projektplanung, Lösungssuche, mechanische Konstruktion, Teile der Elektronik und Fertigung, Verdrahtung, Programmierung etc. wird durch den oder die Teilnehmerin gemeinsam mit dem Coach realisiert.

Aufnahmebedingungen

Grundsätzlich gelten hinsichtlich der schulischen Voraussetzungen die Regeln wie bei den bereits etablierten Talentschulen. Die Organisation des Unterrichts wäre von der geographischen Entfernung des Schülers oder der Schülerin zum nächsten Innovationspark abhängig.

Alle Teilnehmer durchlaufen ein standardisiertes Programm, das mit einer Vorqualifikation beginnt. Diese Workshopserie kann ohne spezielle Vorkenntnisse von den interessierten Jugendlichen besucht werden. Am Ende dieser Phase, die thematisch auf die Aufnahmeprüfung ausgerichtet ist, können sich die Teilnehmer zur Aufnahmeprüfung anmelden. Die Aufgabenstellung ist, ein Werkstück, welches aus unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten besteht, eigenständig herzustellen. Projektmanagement und kreatives Problemlösen sind ebenso Teil der Aufgabenstellung.

Förderprogramm Das Förderprogramm besteht aus 3 Ebenen: Für Bewerber, die sich eine Teilnahme aus finanziellen Gründen nicht leisten können, ermöglicht ein Stipendienprogramm die Teilnahme.

Private Coaches, die in Entwicklungsabteilungen arbeiten oder gearbeitet haben, stehen der Teilnehmern als Ratgeber unentgeltlich zur Seite. Der verpasste Unterrichtsstoff wird durch betreutes Lernen an der Herkunftsschule, wenn dies nicht oder ungenügend möglich ist, durch ein Serviceangebot am jeweiligen Netzwerkstandort, nachgeholt.

Was meint Switzerland Innovation oder involvierte Politiker zu einem derartigen Programm? Fehlendes Interesse, um es kurz zu fassen.

Peter Vonach begleitet als Innovationsmanager diverse Projekte von Unternehmen wie Siemens, Migros, ABB, Hilti uvm. Bild: zVg

Doch warum beschäftigt mich dieses Thema überhaupt?

Mit dem Thema Innovation beschäftige ich mich beruflich schon über 25 Jahre. Meiner Erfahrung nach werden Projekte zu oft mit dem Label «Innovation» versehen, obwohl deren Innovationscharakter sehr bescheiden ist. Mir ist die Wichtigkeit dieses Themas für unsere Gesellschaft sehr bewusst, bin aber gleichzeitig der Überzeugung, dass wir, um adäquate Antworten auf künftige Herausforderungen nur finden werden, wenn wir einen viel breiteren konzeptionellen Ansatz entwickeln. Mit den sechs Innovationsparks hätten wir eine Grundlage für eine zukunftsfähige Schweiz geschaffen; allerdings müssen die vorhandenen Innovationspotenziale ganzheitlicher gesehen und gefördert werden.

Eine Gesellschaft ist dann als wirtschaftlich zukunftsfähig und stabil zu sehen, wenn wir möglichst viele Menschen befähigen, sich aktiv am wirtschaftlichen Geschehen einer Gesellschaft einzubringen.

Peter Vonach