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Bildung
29.07.2022
29.07.2022 11:00 Uhr

Politische Neutralität der Lehrer: «Der Preis könnte hoch sein»

Karin Hasler: «Es sollte eine Debatte entstehen, aus der die Gesellschaft einen Mehrwert zieht»
Karin Hasler: «Es sollte eine Debatte entstehen, aus der die Gesellschaft einen Mehrwert zieht» Bild: PD
Wie bereits berichtet, haben zwei SVP-Kantonsräte eine einfache Anfrage eingereicht, ob die politische Neutralität an St.Galler Schulen gewährleistet sei. SP-Kantonsrätin Dr. Karin Hasler erläutert in ihrem Gastkommentar, wie aus diesem Vorstoss Gutes entspringen könnte.

Die beiden SVP-Kantonsräte Sandro Wasserfallen und Sascha Schmid haben mit einer einfachen Anfrage dazu, ob die St.Galler Lehrerschaft denn auch politisch neutral sei, ein veritables Sommerthema lanciert, stgallen24 berichtete. Karin Hasler verleiht in ihrem Kommentar ihrer Überzeugung Ausdruck, dass dieser Vorstoss nur dann zielführend wird, wenn daraus eine Debatte entsteht, aus der die Gesellschaft einen Mehrwert zieht.

Es überrascht kaum, dass die SVP des Kantons St.Gallen das Thema einer Maturaarbeit aus dem Kanton Aargau zur politischen Neutralität an Schulen aufgreift, um damit zu politisieren. Doch der Preis könnte hoch sein.

Noch bevor der Vorstoss im Ratsinformationssystem hochgeladen war, kamen bereits Medienanfragen zum Vorstoss von Wasserfallen & Schmid, SVP-Kantonsräte. Diese übernehmen die Vorwürfe der Maturaarbeit und adressieren sie an den Kanton St.Gallen. Unabhängig davon, ob dies als Misstrauensvotum an die Lehrpersonen gesehen wird oder einfach als naive Vorwürfe auf sehr dünner empirischer Grundlage, könnte aus der Debatte rund um die politische Neutralität an Schulen dennoch etwas Gutes entspringen.

Politische Partizipation junger Stimmberechtigter

Das wirklich wichtige Thema ist nämlich die politische Partizipation von jungen Stimmberechtigten, deren Wahlbeteiligung und die politischen Willensbildungsprozesse, die dafür nötig sind. Die Schule bietet dafür ein wichtiges Gefäss, nebst Peers, Familie und Vereinsleben usw. Sie ist der Ort, wo Inhalte aus verschiedenen Perspektiven diskutiert oder angesprochen, analysiert und studiert werden können.

Dabei geht es nicht um Meinungen, die gelehrt werden, sondern um die Aneignung von Wissen, das Bewerten von politischen Debatten und um das Üben von Diskussionen sowie den Umgang mit anderen Meinungen. Dass die politischen Themen, die in der Schule diskutiert werden, oft «linksgerichtet» sind, liegt im Übrigen daran, dass Themen wie Klimakrise, Geschlechtergerechtigkeit, Diskriminierung usw. traditionellerweise auch linke Themen sind und vor allem Jugendliche interessieren.

Vorgefasste Meinung

Ein solcher Vorstoss ist nur dann zielführend, wenn eine Debatte entsteht, aus der die Gesellschaft einen Mehrwert zieht. Leider sind die Fragen im Vorstoss so formuliert, dass sich der Verdacht aufdrängt, die beiden Vertreter der SVP möchten eine vorgefasste Meinung bestätigt erhalten und sich damit politisch profilieren.

Doch haben sie sich die Konsequenzen gut überlegt? Bestenfalls entsteht eine Diskussion über die politische Partizipation von Jugendlichen, über die Bildung ihrer politischen Präferenzen und die wichtige Aufgabe der Schule, die Jugendlichen zu unterstützen, demokratiefähige Bürger*innen zu werden.

Angst bei Lehrpersonen

Im schlechteren Fall provoziert der Vorstoss hingegen Angst bei den Lehrpersonen und führt dazu, dass sie politische Diskussionen im Klassenverband meiden werden. Das wäre verheerend. Denn ein wichtiger Bestandteil der Schulbildung auf Kanti-Ebene ist die politische Bildung, in welcher die Schweiz ohnehin hinterherhinkt. Dies ist als Problem längst bekannt, Schmid & Wasserfallen sollten das wissen. Auch die besagte Maturaarbeit hätte das besser aufgreifen können und müssen.

Dr. Karin Hasler, Gastkommentatorin stgallen24