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Stadt St. Gallen
23.03.2021
23.03.2021 12:08 Uhr

«Fleisch von glücklichen Tieren gibt es nicht»

Stiller Protest in der Stadt St.Gallen
Stiller Protest in der Stadt St.Gallen Bild: pd
Die Organisation «Animal Vigil St.Gallen» setzt sich gegen Tierleid ein und hält regelmässig Mahnwachen vor Schlachthöfen und in der Innenstadt. stgallen24 hat eine Aktivistin zum Interview getroffen.

Sie stehen einfach nur da, sagen nichts und halten Schilder in den Händen mit Aufschriften wie «Tiere fühlen, Tiere leiden» oder «Wen streicheln, wen töten?». Darunter ist ein Welpe und ein Ferkel abgebildet.

Die Schilder sollen Passanten zum Nachdenken anregen. Bild: pd

Die Aktivisten von «Animal Vigil St.Gallen» (AVSG) halten regelmässig Mahnwachen vor dem Schlachthof und in der Innenstadt St.Gallen. Dabei gedenken sie 80 Millionen Tieren, welche jährlich schweizweit zum Konsum getötet werden. Aktivistin und Veganerin Lexy erzählt im Interview, weshalb sie sich so stark für das Tierwohl einsetzt und räumt mit einigen Vorurteilen gegen den Veganismus auf.

Lexy, einige werden nach dem Schauen von Dokus oder einem Besuch beim Schlachter vegan. Wie war das bei Dir?

Ich entschied mich vor vier Jahren aus ethischen Gründen für die vegane Lebensweise. Aufgewachsen bin ich vegetarisch, ich wollte bereits als Kind keine Tiere essen. Bis ins Erwachsenenalter habe ich mich jedoch nie damit auseinandergesetzt, welches Leid hinter der Milch-, Eier- und Bekleidungsindustrie steckt. Zusammen mit meiner Schwester habe ich mich über diese Themen informiert und wir haben uns für die vegane Lebensweise entschieden.

Zu Beginn war ich unsicher, doch meine Ängste verflogen schnell, als ich gemerkt habe, wie einfach es ist. Auch hatte mein Umfeld mehr Verständnis für meine Entscheidung, als zunächst gedacht. Vegan zu leben lohnt sich nicht nur für Tiere, sondern auch für die Gesundheit, die Umwelt und Mitmenschen. Die Vielzahl positiver Argumente hat mich komplett überzeugt.

AVSG setzt sich gegen die Ausnutzung und Tötung von Tieren ein. Seit wann gibt es AVSG und wer steckt alles dahinter?

AVSG wurde im Frühling 2020 als Nachfolger zu St.Gallen Animal Save gegründet. St.Gallen Animal Save war Teil der weltweiten Bewegung «The Save Movement». Mit AVSG ist eine lokale und unabhängige Organisation entstanden. Dahinter stehen mehrere dutzend engagierte Aktivistinnen und Aktivisten, die organisatorische Arbeit wird von einem kleinen Kernteam geleistet.

Lexy: «Damit sich das gesellschaftliche Denken verändert, muss man sich von seiner Beobachterrolle verabschieden und sich aktiv einbringen.» Bild: pd

Ihr veranstaltet regelmässig Mahnwachen in der Stadt oder vor dem Schlachthof. Was ist das Ziel dieser stillen Proteste?

Wir bringen die Szenen aus den Schlachthöfen in die St.Galler Innenstadt und geben den Tieren direkt vor dem Schlachthof eine Stimme. Mit unseren Events wollen wir die Konsumenten und Konsumentinnen zum Nachdenken anregen. Jeder Einkauf ist eine bewusste Entscheidung und jeder Kassenbon ein Stimmzettel. Für oder gegen Tierleid.

Täglich treffen wir rund 20'000 Entscheidungen, einige davon machen uns – richtig getroffen – zu bewussten und empathischen Menschen. Wir können alle etwas verändern, wenn wir unsere Gewohnheiten und die Folgen unseres Konsumverhaltens hinterfragen.

Wenn die Tiere zum Schlachthof gebracht werden, stehen die Aktivisten schon da. Bild: pd

Welche Reaktionen kriegt Ihr von den Passanten?

Vor dem Schlachthof sind die Reaktionen nicht so spürbar wie in der Innenstadt. Einige Vorbeifahrende hupen, zeigen uns den Daumen hoch, manchmal auch den Vogel oder Mittelfinger. Bei den «City Vigils» sind wir exponierter und werden direkt mit Emotionen konfrontiert.

Die Menschen reagieren betroffen, nachdenklich, neugierig, manche weinen bei den Videoaufnahmen. Durch den stillen Protest lassen wir die Passantinnen und Passanten nachdenken. Die meisten sind sich nämlich gar nicht bewusst, was hinter der (Aus-)Nutztierindustrie steckt. Im Allgemeinen sind die Reaktionen positiv, wir bekommen Zuspruch für unseren Einsatz und den Mut, uns aktiv auf der Strasse für die Schwächeren einzusetzen.

Es kommt manchmal leider auch vor, dass wir ausgelacht oder angepöbelt werden. In solchen Situationen suchen wir aktiv das Gespräch, um zu erklären, weshalb wir für die Tiere einstehen. Wenn man ehrlich und offen mit den Leuten kommuniziert, ändert sich deren Haltung meistens schnell, da sich die Wahrnehmung ändert, sobald sie sich mit der Realität auseinandersetzen.

«Die Menschen reagieren betroffen, nachdenklich, neugierig, manche weinen bei den Videoaufnahmen.»
Lexy, Veganerin und Aktivistin

Gab es schon mal Konflikte mit den Schlachthöfen?

Unsere Mahnwache vor dem Schlachthof ist bewilligt und wird von der Polizei begleitet. Wir instruieren die Teilnehmenden, wie wir uns bei der Kundgebung verhalten. Für die Mitarbeitenden von Transportfirmen, welche die Tiere zur Tötung anliefern, kann es unangenehm sein, uns vor dem Schlachthof stehen zu sehen.

Wenn es zu Gesprächen kommt erklären wir, dass die Organisation für die Tiere dort ist und nicht gegen die Personen, welche in dieser Industrie arbeiten. Wir verurteilen nicht, sondern klären auf.

«Vegan aktiv Ostschweiz» fördert die Ostschweizer Organisationen, die sich für Tierrechte und Veganismus einsetzen. Wie schätzt Du das Verständnis für diese Themen in unserer Region ein?

Veganismus ist kein Trend, sondern ein Bewusstseinswandel. Unabhängig von der Region haben Menschen generell eines gemeinsam: sie wollen kein Tierleid verursachen. Das Verständnis ist in unserer Region somit durchaus vorhanden. Unterschiede gibt es zwischen ländlichen und städtischen Gebieten, da das vegane Angebot nicht überall vorhanden ist und die Menschen weniger mit dem Thema konfrontiert werden.

Auch in traditionsorientierten Gegenden ist der Zugang schwieriger, denn sind wir ehrlich: das Ausnutzen und Töten von Tieren sind bei uns fest verankert. Oft hören wir Sätze wie «Das haben wir schon immer so gemacht.» oder «Was sollen wir denn mit den ganzen Tieren machen, wenn wir sie nicht essen?». An diesem Punkt ist ganz viel Aufklärung nötig. Es gibt Gründe, weshalb wir Kinder auf ein Erdbeerfeld mitnehmen, aber nicht in Schlachthäuser.

«Jeder Kassenbon ist ein Stimmzettel.» Bild: pd

80 Millionen Tiere werden jährlich schweizweit zum Konsum getötet. Das ist eine unfassbar hohe Zahl. Wie steht die Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern da?

Vergleiche mit dem Ausland gestalten sich schwierig, denn die reinen Schlachtzahlen sind nur ein Teilaspekt des gesamten Konsums. Im Jahr 2020 wurden z. B. über 100'000 Tonnen Fleisch aus dem Ausland importiert. Der Fleischkonsum ist in der Schweiz seit Jahren rückläufig, der Milchproduktekonsum ist seit der Jahrtausendwende massiv gestiegen. Bezieht man sich auf Statistiken beträgt der Pro-Kopf-Konsum (Stand 2019) pro Jahr 47.8 kg Fleisch, 12 kg Eier, 235 kg Milch und Milchprodukte, 5.3 kg Butter und 7 kg Fisch.

Das sind unglaubliche Mengen, wenn man bedenkt, dass hinter diesen Produkten fühlende Lebewesen stehen. Wir dürfen uns nicht selbst ein gutes Gewissen einreden, weil wir hier weniger Fleisch konsumieren als in anderen Ländern. Jedes Tierprodukt bedeutet Tierleid, auch in der Schweiz: Trennung von Mutterkuh und Kalb, Massentierhaltung von Schweinen ohne Tageslicht, Vergasen von Hühnern – dies sind nur einige Beispiele aus der Realität. Anstatt uns zu vergleichen, müssen wir uns fragen, ob wir das unterstützen wollen und was wir konkret verändern können.

Oft wird hierzulande damit argumentiert, dass die Tiere glücklich sind und das Fleisch eine hohe Qualität hat. Ist das nicht so?

Massentierhaltung gibt es auch bei uns. Die Initiative «Keine Massentierhaltung in der Schweiz» will diese während einer Übergangsfrist von 25 Jahren abschaffen. Um die Schweizer Landwirte zu schützen, fordern die Initianten eine Importregulierung nach neuen Standards. Bei Tierprodukten werden egal mit welchem Guten-Gewissen-Siegel immer Abstriche beim Tierwohl gemacht.

Von Tierwohl oder gar Tierrechten können wir auch in Label-Betrieben nie sprechen, denn das Nutzen von Tieren zu unserem Zweck ist damit nicht vereinbar. Wenn wir zum Beispiel beim Fleisch von «guter Qualität» reden, dann beruhigen wir aus ethischer Sicht nur unser schlechtes Gewissen. Wir verdrängen nämlich, dass es kein Fleisch von glücklichen Tieren gibt, sondern nur von toten.

«Den Veganern fehlen wichtige Vitamine», hört man immer wieder. Stimmt diese Aussage?

Nährstoffmangel ist die Folge einer unausgewogenen Ernährungsweise, unabhängig davon, ob man sich pflanzlich oder mischköstlich ernährt. Bei einer vollwertigen pflanzlichen Ernährung kann man davon ausgehen, dass bei den meisten lediglich Vitamin B12 als kritischer Nährstoff anzusehen ist, der sich ganz unkompliziert supplementieren lässt.

Die zusätzliche Aufnahme weiterer Nährstoffe ist für jeden Menschen individuell, da jeder Körper anders funktioniert. Studien haben gezeigt, dass Menschen, welche sich rein pflanzlich ernähren, bessere Blutwerte aufweisen. Dies lässt sich zum einen darauf zurückführen, dass man sich bewusst mit seiner Ernährung auseinandersetzt. Andererseits werden bei dieser Ernährungsform gesundheitsschädliche Produkte, wie zum Beispiel Milch, weggelassen. Heute haben wir den Vorteil, dass wir uns auf gut recherchierte Literatur, Langzeitstudien und vegane Ernährungsberatung verlassen können.

Mit den Events macht AVSG darauf aufmerksam, welches Leid hinter der Tierindustrie steckt. Bild: pd

Was muss noch passieren, damit das Tierleid auf der Welt kleiner wird?

Der Mensch muss die Tiere einfach in Ruhe lassen, das ist alles. Was wir uns immer vor Augen halten sollten ist, dass gute Absichten alleine nicht zählen, nur unsere Taten. Selbstverständlich dürfen wir auf jeden noch so kleinen Schritt stolz sein, jedoch können wir es uns nicht in unserer Komfortzone gemütlich machen, ohne uns den Konsequenzen bewusst zu sein.

Dies gilt nicht nur für die Tiere, welche auf unseren Tellern landen, sondern auch für alle anderen. Neben ethischen Gesichtspunkten gibt es noch einen weiteren wichtigen Aspekt, der uns alle betrifft: alles weist darauf hin, dass es sich beim neuen Coronavirus um eine Zoonose handelt, wie z. B. auch die Vogelgrippe, die Schweinegrippe, Ebola und HIV. Wenn wir nicht nur die Tiere, sondern auch unsere Gesundheit schützen wollen, ist es Zeit, Produkte von Tieren von unserem Speiseplan zu streichen.

«Wenn wir beim Fleisch von 'guter Qualität' reden, dann beruhigen wir aus ethischer Sicht nur unser schlechtes Gewissen. Wir verdrängen nämlich, dass es kein Fleisch von glücklichen Tieren gibt, sondern nur von toten.»
Lexy, Veganerin und Aktivistin

Wie überzeugt man am besten jemanden davon, seine tierische Ernährung zu überdenken? 

Es geht, wie auch sonst oft im Leben, nichts über einen guten Dialog auf Augenhöhe. Den meisten Menschen ist schlichtweg nicht bewusst, was sie mit ihrem Konsum unterstützen. Es braucht Mut, seine Denkweise zu lockern. Einige machen diesen Prozess alleine durch, andere brauchen Unterstützung dabei.

Auf die individuellen Bedürfnisse muss man eingehen, um jemandem bei seinem Umstieg auf die vegane Lebensweise zu helfen. Vorwürfe und ein schlechtes Gewissen nützen niemandem etwas, auch nicht den Tieren. Im Endeffekt zählt, welche Entscheidung ein Mensch für sich trifft und dafür braucht es vor allem Information.

Miryam Koc