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Stadt St.Gallen
25.06.2022

Mundart-Kolumne «Hopp Sanggale!»

Bild: pd
Susan Osterwalder-Brändle erforschte während Jahren den St.Galler Dialekt. Mit «Hopp Sanggale!» entstand ein Werk mit rund 3000 Mundartbegriffen und Redensarten, die zum Teil schon in Vergessenheit geraten sind. Auf stgallen24 leben sie wieder auf. Heute: «Schpänse».

Schpänse; w. Singular; Bedeutung: Vorratskammer, Vorratsschrank

Das Wort Schpänse, auch Spense geschrieben, gehört definitiv zu den bereits ausgestorbenen Begriffen unserer Mundart , welche nur noch wirklich älteren Semestern bekannt sein dürfte. Ich erinnere mich daran, dass mein Grossvater das Wort mitunter gebrauchte. Aber sehr spärlich. Das mag daran liegen, dass wir keine Schpänse hatten. Die Schpänse ist eigentlich eine Vorratskammer, ein Vorratsschrank. Das Wort dürfte wohl vom italienischen «dispensa» stammen, das für eben diese Vorratskammer steht. Wir kennen das Wort noch in einer anderen Form. Wer offiziell den Turnunterricht schwänzen darf, hat eine Dispens bekommen, ist also von diesem Fach temporär befreit. Ausserdem kennen wir den Flüssigkeitenspender, zB. für Seife, den aus dem Englischen stammenden «Dispenser.»

Auch wenn meine Familie den Krieg miterlebte, gehörte sie nicht zu jener Gruppe von Menschen, welche Vorräte vorsorglich hamsterten, um für Notzeiten gerüstet zu sein. Einzig das Gemüse im Garten, legte mein Grossvater in eine eigens dafür ausgehobene Erdgrube, in welcher Kohl, Sellerie und Räbli den ganzen Winter über frisch blieben. In den damals noch kalten, strengen Wintern, war das problemlos möglich. Kartoffeln und Äpfel lagerten in den hölzernen Lagergestellen in unseren Kellern. Zu den dreizehn Zimmern unseres Untertoggenburger Tätschhauses zählten mehrere Kellerräume, ein riesiges Estrichgeschoss, das hauptsächlich zum Wäscheaufhängen genutzt wurde und die Werkstatt meines Grossvaters. Von der einen der zwei Küchen im Haus führte eine «Falle», eine im Boden eingelassene Fall-Tür, hinunter über die Kellertreppe in die kühlen, fensterlosen Kellerräume, wo gewisse Vorräte lagerten. Unsere Nachbarn, so erzählten meine Grosseltern oft und gerne mit einem Schmunzeln, hätten noch zwanzig Jahre nach dem Krieg, längst abgelaufene, einst gehamsterte Konservendosen, Mehl und Teigwaren verzehrt. Geschadet hatte es ihnen wohl nicht - in den Sechziger Jahren erfreuten sie sich jedenfalls noch bester Gesundheit.

Auf unserer knarrenden Kellertreppe lagerten also unsere «kulinarischen» Schätze; alles was vorzugsweise kühl gelagert werden sollte: Eier, Milch, Joghurt, Käse, Fleisch. Einen Kühlschrank gab es nicht. Bis zur Kellertreppe traute ich mich jeweils noch, wenn mir aufgetragen wurde, etwas für den Znacht zu holen. Weiter auf der Kellertreppe hinunter zu steigen vermied ich tunlichst, da im Keller nicht nur schrumplige Äpfel und Härdöpfel lagerten, sondern auch die eine oder andere dicke schwarze Spinne lauerte, der ich nur zu gerne aus dem Weg ging.

Verrückt, aber heute, 77 Jahre nach Kriegsende, denken wir mehr denn je über Spensen und Vorratshaltung nach. Nach zwei Jahren Pandemie, Krieg in Europa, Sanktionen, Lebensmittelverknappung, steigenden Preisen und Inflation, coronageschuldeten Lieferschwierigkeiten aus dem asiatischen Raum, etc., ist das keine dumme Idee. Doch eine Kellertreppe als Schpänse reicht längst nicht mehr. Denn alles war wir heute benutzen ist zwar komfortabel, aber braucht Energie und woher wir diese in Zukunft beziehen ist plötzlich gar nicht mehr so klar.

Viele blenden jetzt in der Ferienzeit aus, was uns im kommenden Herbst und Winter beschäftigen dürfte. Aber vielleicht ist es dann gar nicht schlecht, wenn wir uns tatsächlich wieder einen gewissen Vorrat anlegen. Dass wir uns über solche Dinge in unserer hochtechnisierten «zivilisierten» Welt wieder Gedanken machen müssen, erscheint mehr als surreal.

Ich habe zumindest wieder mehr Kartoffeln im Garten angebaut. Man weiss ja nie. Und wenn Gas und Strom fehlen: Mein Warmluft-Cheminée produziert zwar Feinstaub, dafür garantiert es mir eine warme Mahlzeit über dem Feuer, wenns dann mal ganz hart kommen sollte. Dann werde ich mit meinem neuen Allzweck-Bollerwagen aus der Landi durch den tiefen Schnee (obwohl, den gibts vielleicht gar nicht mehr, wir haben ja Klimakrise) in den Wald stapfen und herumliegendes Holz aufsammeln, wie damals meine Grossmutter. Und meine Gemüsegrube im Garten plündern, wie mein Grossvater. Und auch ich werde mir – wie seit der Corona-Pandemie gewohnt – etwas mehr von einem Artikel besorgen, der mir hoffentlich niemals im Leben ausgehen wird: Toilettenpapier!

Und: ich habe kein Verständnis für Leute, die kein Verständnis für Toilettenpapierhorter haben! Mal einen Fastentag einzuschalten hat noch keinen umgebracht. Aber denken sie mal die Problematik einer Toilettenpapier-Knappheit zu Ende! In meinem Vorrat hat das Toilettenpapier jedenfalls erste Priorität.

Nicht auszudenken, wenn ich es in dieser Angelegenheit gleich machen müsste wie meine Grosseltern im ersten Weltkrieg: Zeitungspapier regelmässig in genügenden Mengen zu verbrauchsgerechten Blättchen zurecht zu schneiden!

Susan Osterwalder-Brändle, stgallen24-Kolumnistin